Froderiks Besuch bei Tante Inge

Froderik fühlte sich nie wohl bei seiner Tante Inge. Es lag nicht nur an seiner schwierigen Cousine Marie oder am zornigen Onkel Eckart. Es lag auch nicht am Mischlingshund Hugo, der als viertes Familienmitglied das Haus seiner Tante bewohnte. Es war die Gesamtatmosphäre dort, die Froderik regelmäßig energisch protestieren ließ, wenn seine Mutter mit dem deutlichen Wunsch an ihn herantrat, bei seiner Tante zu übernachten, weil sie Übernachtungsgäste eingeladen hatte. Froderik sollte hierfür jedes Mal sein Zimmer hergeben.

Onkel Eckart hatte eine Geliebte. Das allgemeine Wissen darum nährte in der Familie einen ständig schwelenden Konflikt, der sich in Poltereien Onkel Eckarts äußerste oder in Spitzen Tante Inges oder in energischen Annäherungsversuchen seiner Cousine an Froderik, um ihre Eltern zu provozieren.

„Onkel Eckart wäscht sich nach dem Klo nicht die Hände. Er hat das noch nie getan.”, beschwerte sich Froderik. Und seine Mutter entgegnete: „Ich möchte nie etwas von Dir, Froderik. Ich habe meine Freundinnen seit über einem Jahr nicht mehr gesehen…”. „Seit genau einem Jahr.”, verbesserte Froderik sie. „Ja, seit einem Jahr”, fuhr sie fort, „wenn ich Dich einmal im Jahr um etwas bitte… nur einmal im Jahr… eine Übernachtung. Das wird Dich nicht gleich umbringen.”

Froderiks Vater, der dem Disput kurz zugehört hatte, kürzte die Diskussion traditionsgemäß Kraft seiner anerkannten Befehlsgewalt ab und Froderik musste sich seinem Schicksal beugen.

Froderik zögerte den Besuch bis in den frühen Abend hinaus. Dann war es soweit. Er machte sich mit dem Fahrrad auf den Weg.

Wenn er nicht rechtzeitig an der Haustür von Tante Inge den Kopf zur Seite geschwungen hätte, wäre der aggressive Kuss seiner ebenfalls 13-jährigen Cousine, direkt auf seinem Mund anstatt nur auf seinem Mundwinkel gelandet. Sie begrüßte ihn, wie immer, viel zu freudig. „Das fängt ja prima an”, dachte er und antwortete mit einem deutlichen „Nein” auf die Frage, ob er sich auch so freue, sie mal wieder zu sehen.

„Wir gucken heute alle Columbo sagte Cousine Marie und zwinkerte Froderik dabei bedeutsam zu. „Ja, gut”, antwortete Froderik, der die erwartungsvoll fragenden Blicke Ihrer Eltern bemerkte, die sich bemühten, gleichgültig wirkend einen neuen Lampenschirm im Wohnzimmer anzubringen.

„Ist Hugo taub geworden?” fragte Froderik, in Richtung Trittleiter, auf der seine Tante stand. Sie schien Ihren hechelnden Hund erst jetzt zu bemerken. „Der freut sich auch auf Columbo”, sagte Onkel Eckart, bevor er von Tante Inge angeherrscht wurde, sofort wieder die Leiter festzuhalten, wenn sie schon seinen Job übernähme.

Froderick fragte sich, ob er wohl noch zwei Stunden Konversation ertragen würde, bevor endlich der Krimi begänne, der dann alle zum Schweigen brächte. Er ließ sich von Marie überreden, ihm Ihr neues Katzenfell zu zeigen. Es war wirklich kuschelig und er glaubte Marie, als sie ihm erklärte, dass es gut gegen Rheuma sei. Trotzdem hatte er die noch lebende Katze Murli lieber gemocht, die offenbar Spenderin der mittelalterlichen Sanitätsutensilie war.

Froderiks Nachtlager war, wie gewohnt, eine Luftmatratze, die neben Maries Bett platziert wurde. Als Marie vor etwa zwei Jahren zeitgleich mit den Fremdliebeleien Ihres Vaters damit begann, Froderik Avancen zu machen, gab dieser vor, besser in einem Schlafsack schlafen zu können als unter einer Decke. Der Schlafsack sollte ihn schützen und unterband seit damals erfolgreich eine ungewünschte Nähe zu seiner Cousine, die leicht zustande kommen konnte. Marie schlief nämlich nachts unruhig, und deshalb rollte sie oft aus dem Bett auf ihn oder seine Luftmatratze. Der Schlafsack verhinderte zuverlässig, dass sie im vermeintlichen Halbschlaf unter seine Bettdecke kriechen konnte.

20.30, Columbo. Die Familie war auf dem Sofa versammelt. „Ist Dir kalt?”, fragte Froderik Tante Inge, als diese sich ein weißes Handtuch über das rechte Bein legte.

„Nein, alles gut“, antwortete sie.

Es ging hiernach alles sehr schnell. Froderik bemühte sich, dem Geschehen im Fernsehen zu folgen. Es fiel ihm nicht leicht angesichts des ungewöhnlichen Anblicks, der sich ihm bot, wenn er nach rechts neben sich auf das Bein seiner Tante schaute. Auch die schmatzenden Geräusche, die das, was er sah, mit sich brachte, hinderten ihn an dem vollen Genuss des Krimis. „So langsam wird´s widerlich“, sagte sein Onkel zu Tante Inge während er Hugo betrachtete, der sich an dem Bein seiner Tante verging – in einem ähnlichen Tempo, wie ein Specht einen Baum bearbeitet. „Ich habe doch ein Handtuch drüber“, antwortete sie. „Ja, aber das ist es ja gerade“ entgegnete er,„ Du ermutigst ihn geradezu. Du hast ihm das angewöhnt. Er guckt auch richtig stolz, als ob er auch noch Applaus erwartet.“ „Ja, das ist eklig, Mama“, sagte Marie,„wir müssen ihn einfach kastrieren, dann hört er auf damit“.

Froderik merkte, dass er in eine Diskussion hineingeraten war, die sicher schon monatelang andauerte. „Und dann dieses Hecheln“, sagte Onkel Eckart. „Wenn ich das nicht mache, jault er den ganzen Abend. Er braucht das“, entgegnete Tante Inge. „Ob er jault oder so laut hechelt, wie jetzt, macht für mich keinen Unterschied.“, sagte Onkel Eckart und gab mit der Betonung seines letzten Satzes zu verstehen, dass für ihn die Diskussion erst einmal beendet sei. „Ich geh schlafen“, sagte Froderik leise, in der Hoffnung, seine Cousine würde sich ihm nicht anschließen. Sie tat es dennoch und kurz bevor Sie ihr Zimmer betraten, hörten sie ein kurzes helles Aufheulen des Hundes, das Marie zu einem neckischen Grinsen in Froderiks Richtung bewegte. „Ausgehechelt“, sagte Sie und Froderik fürchtete sich vor der Nacht.

Nachdem Froderik aus dem Bad gekommen war, legte er sich auf seine Matratze neben Maries Bett fest in seinen Schlafsack eingeschnürt. Als Marie eine Minute später aus dem Bad kam, stellte Froderik sich schlafend. Marie trat zwischen seine Beine, um über seine Matratze in ihr Bett zu steigen. „Weißt Du eigentlich, dass Cousins und Cousinen heiraten dürfen, wenn Sie unbedingt wollen?“, fragte sie, nachdem Sie im Bett lag. „Ach ja?“, murmelte Froderik in seinen Schlafsack hinein, den er luftdick direkt unter der Nase zuhielt. „Das ist staatlich zugelassen“, sagte sie. „mmHmm“, antwortete Froderik. „ Ist doch witzig, oder?“, sagte sie. „Ja, aber ich muss jetzt schlafen“, sagte Froderik. „Ich bin überhaupt nicht müde“ sagte Marie, „mir ist auch ziemlich kalt. Dir auch?“ „Nein, mein Schlafsack ist super warm“. Froderik wusste unmittelbar nach seiner Antwort, dass diese nicht sehr geschickt war. „Du bist aber nicht gerade ein Gentleman“, sagte Marie. Froderik blieb still. „“Frodi, hörst Du mich?“. Natürlich hörte er sie. „Du schläfst allein in einem warmen Schlafsack und lässt mich hier draußen frieren. Lass mich doch mit ´rein“. „Wie soll das denn gehen?“ fragte Froderik, “das ist viel zu eng.“ „Und wenn schon, je enger desto wärmer“, stellte Marie unverfroren fest. „Marie, jetzt hör mal auf. Ich muss schlafen. Deck Dich richtig zu, dann wird´s schon gehen. „Schisser!“, fauchte Marie und knallte sich laut auf ihre andere Körperhälfte – nun abgewandt von Froderik, dem Schweiß auf der Stirn stand. Aber er blieb still.

Am nächsten Morgen stand Froderik besonders früh auf, um nicht mit Marie darüber sprechen zu müssen, wer das Bad zuerst benutzen durfte. Marie schlief noch, als er sich zurück in das Zimmer schlich. Vorsichtig rollte er seinen Schlafsack ein und ging in die Küche. Nach einem schnellen Frühstück wollte er sich auf den Weg nach Haue machen. Er traf auf Tante Inge, die wie immer die Erste war und bereits den Tisch gedeckt hatte. Der Hund kauerte unter Onkel Eckarts Stuhl, der noch nicht aufgestanden war. „Magst Du ein Ei“, fragte Tante Inge. „Was für ein Luxus“, dachte Froderik und sagte: „Sehr gerne“.

Dann hörte er energische Schritte, die sich auf die Küche zubewegten. In der Tür stand Marie mit einem weißen Handtuch in der Hand, das sie einen halben Meter vor Froderiks Nase hielt und in vorwursvollem Ton sagte: „Was ist denn das hier Ekelhaftes auf deinem Handtuch. Ich hätte mich fast aus Versehen damit abgetrocknet. Pfui Teufel.“ Froderik sah auf den Fleck auf dem Handtuch, den Marie ihm zeigte. Hugo, der Streit am Morgen nicht mochte, tapste leise winselnd aus der Küche. Froderik spürte wie ihm Gesichtsröte aufstieg und auf Wangenhöhe heiß pochte. „Das… ist nicht mein Handtuch“, stammelte er. Marie lächelte überlegen. Tante Inge schaute entsetzt in Richtung der beiden Kinder.

Das Frühstück verlief sehr still. Froderik machte sich direkt danach auf den Weg nach Hause. Marie verabschiedete sich nicht von ihm und Tante Inge gab ihm nicht die Hand, wie sie es sonst oft tat. Als er wieder zu Hause ankam, begrüßte seine Mutter ihn mit mitleidsvollem Blick. „Na, Frodi, alles ok?“ „Ja, was soll denn sein?“, fragte er. „Gute Nachrichten“, sagte seine Mutter,„Du brauchst nicht mehr bei Tante Inge zu übernachten. Sie rief gerade an. Wir glauben beide, dass Du und Marie zu alt seid, um in einem Zimmer zu schlafen.“ „Hat sie sonst noch was gesagt?“, fragte Froderik. Froderiks Mutter schwieg zunächst und entschied sich dann für eine kurze Vereinung der Frage. Froderik spürte leise Erleichterung und Freude darüber, dass Maries intrigantes Spiel zumindest nicht seiner Reputation im eigenen Haus schaden würde. „Ach, und Frodi…“, rief sie ihm hinterher, nachdem er sich bereits auf den Weg in sein Zimmer gemacht hatte, „…es kommt doch jetzt gerade wieder so eine Erkältungswelle und Du fängst Dir doch so leicht einen Schnupfen ein. Ich hab ein paar Zehner-Packungen Taschentücher gekauft und in dein Regal ins Bad gelegt. Nimm Dir soviele, wie Du brauchst, ja?“


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