Froderik und die Bombe

Vier…, Drei…, Zwei,…Eins…

Froderik konnte weder sehen noch hören. Er fühlte, dass er eher saß als stand. Er wollte weinen aber viel wichtiger war ihm, zu verstehen, warum sein Rücken und sein Kopf schmerzten. Wo war Frank und warum war es plötzlich so laut? Es piepte – ein elektronisches Piepen – unterschiedliche Frequenzen. Seine Ohren…, sein Kopf…. Froderik hielt sich die Ohren zu. Seine Hände…, auch sie taten weh. Er sah sie an. Sie bluteten. Er fühlte etwas Warmes seinen Hals hinunter rinnen. Er berührte es und schaute auf seine Fingerspitzen. Sein Herz raste.

“Worauf willst Du denn noch warten?”, fragte Frank zwei Stunden früher, „deine Eltern sind nicht da und wir haben locker 200 Blindgänger gesammelt… Das ist Verschwendung, wenn wir das jetzt nicht machen“. Frank bezog sich auf Knallkörper, die am Silvesterabend nicht explodiert waren und von den beiden Freunden am Neujahrstag mühselig gesucht und gesammelt wurden.

Froderik hatte Angst bei dem Gedanken, die Katze seiner Nachbarn als Selbstmordattentäter zu missbrauchen. Sie hatte ihm nie etwas getan, sondern war ihm eher zugewandt. Dies war der Grund, warum Frau Johannsen stets ihn fragte, ob er die Katze füttern wolle, wenn sie mit Elvira und ihrem Mann im Urlaub war. Die Katze war unschuldig – soviel stand fest. Aber Elvira, die Tochter, war der personifizierte Satan. Sie hatte Froderik einmal bei voller Fahrt einen Stock zwischen die Speichen seines Fahrrads gesteckt. Froderik konnte nach dem darauf folgenden Sturz zwei Wochen lang nicht laufen. Außerdem wachte er nächtelang schweißgebadet von Alpträumen geplagt auf. Elvira war ein findiges Mädchen, das nicht davor zurückschreckte, jedes Mal künstlich aber täuschend echt auf das obligatorische Schokoladeneis zu niesen, das Froderik für das Füttern der Katze bekam, bevor sie es ihm überreichte.

Die Katze gehörte ihr und hatte gemäß Franks Rechtsverständnisses den Tod verdient – einen Platzhaltertod. Froderik wollte Frank glauben, doch ausschlaggebend für sein Einverständnis, Teil des mörderischen Plans zu werden, war Franks Hinweis, dass das eigentliche Ziel des Anschlags ja Zoltan war. Zoltan war der Wachhund des Bauern Molter, der nicht nur den Bauernhof bewachte, sondern auch gleichzeitig den gesamten Orteingang.

Zoltans Charakter prägte eine schwierige Kombination aus Aggressivität und unbeschreiblicher Blödheit. Körperlich war der Hund ebenso wenig von edler Gestalt, es sei denn man beurteilte ihn aus der Perspektive eines Koyotenweibchens, das auf Schlägertypen stand. Er sah aus wie eine gelungene eine Mischung aus Wolf, Schakal und Bernhardiner. Dass der Hund illoyal und korrupt war, braucht kaum Erwähnung zu finden. Wie ein beflissener Türsteher einer Disko ließ er nur Leute durch seinen Eingang in das Dorf, die ihm etwas zusteckten. Hatte man etwas zu essen dabei, ließ sich zumindest für die Zeit des Verzehrs seine Gunst erkaufen. Bei der nächsten Begegnung hatte Zoltan aber die letzte Zuwendung bereits wieder vergessen. Hatte man nichts dabei, musste ein weiter Umweg in Kauf genommen werden, um nach Hause zu kommen. Frank und Froderik hatten nie etwas dabei. Sie fürchteten jedes Mal um ihr Leben, wenn sie den Bürgersteig am Toreingang vor Molters Bauernhof entlangfuhren. Die Wahrscheinlichkeit, dass Zoltan aus dem Toreingang gestürzt kaum – Schaum im Mund mit irrem Blick – war groß. Zoltan war auch keiner der Hunde, die bellten und nicht bissen. Zoltan bellte und biss: In Füße, Beine, Schulranzen. Er versuchte auch, Kinder von Fahrrädern zu stoßen, um Ihnen am Boden liegend den Rest zu geben. Kurzum: Über kurz oder lang würde Zoltan einen der Freunde, wenn nicht auf-, dann mindestens anfressen. Und das wollten Frank und Froderik verhindern.

„Wir schneiden jetzt alle Böller durch und machen das Schwarzpulver in das Sparschwein“, ordnete Frank in professoralem Ton an. Beide Jungen bemühten sich, mit ihren stumpfen Taschenmessern die gesammelten Böller in der Mitte durchzuschneiden, um nach erfolgreicher Durchtrennung das wenige vorhandene schwarze Gold aus beiden Schnittenden in die Öffnung am Bauch des Keramiksparschweins zu klopfen, das Frank für die Aktion spendete. „Das wird eine richtige Splitterbombe“, murmelte Frank in sich hinein, als er mit seiner Zunge zwischen den Zähnen hochkonzentriert einen der letzten Böllerinhalte in das Schwein beförderte. Froderik nickte wissend. Frank verschloss den Bauch des Sparschweins mit Original Deckel. Den Schlüssel warf er bedeutungsvoll in den Mülleimer. „Mindestens halbvoll“, sagte er, während er das Schwein nah an seinem Ohr schüttelte. „Und jetzt Tesa.“ Froderik überreichte Frank das vorher bereitgelegte Isolierband. Es war eine Zehnerpackung, mit verschieden farbigen Klebebändern. „Oh-oohh“, sagte Frank, während er mit dem Zeigefinger mahnend in der Luft winkte, „wir dürfen die Lunte nicht vergessen“. Froderik hatte sie nicht vergessen und gab Frank eine etwa 30 Zentimeter lange Lunte, die aus mehreren zusammengeknoteten Böllerlunten konstruiert war. Frank fädelte die Lunte durch das Schlüsselloch der Schweinebauchöffnung. Hiernach begann er, dass gesamte Schwein in mehreren Lagen mit Isolierband zu umwickeln. Am Ende glich das Schwein einer bunten Embryoskulptur mit zu langem Bauchnabel. „Also los…“, schnaufte Froderik unsicher.

Mimi war in die Jahre gekommen. Ihr Gang ließ darauf schließen, dass sie sich im Herbst ihres Lebens befand. Sich auf diese beruhigende Erkenntnis besinnend lockte Froderik vor seiner Haustür stehend die Katze an, indem er einen Plastikbecher mit Wiskasbröckchen schüttelte. Frank versteckte sich mit der Schweinebombe, die bereits an ein ledernes Katzengeschirr montiert war, ein paar Meter entfernt im Hauseingang, um keinen Verdacht zu wecken. Zuversichtlich kam Mimi leicht humpelnd nach ein paar Minuten angelaufen, ließ sich von Froderik streicheln, fraß ihm aus der Hand kurz bevor sich sein Griff um ihren Nacken verstärkte. „Ich hab sie“, sagte Froderik, „sei aber vorsichtig.“ Frank eilte mit dem Katzenkorsett heran, das eigentlich für städtische Freigängerkatzen gedacht war, die die Natur an der Leine Ihrer Besitzer genießen sollten. Mimi war eine Landkatze und kannte so etwas nicht. Sie wehrte sich standhaft, konnte aber nicht verhindern, dass sie am Ende eines tapferen Kampfes ein zur Bombe umfunktioniertes Sparschwein auf ihrem Rücken montiert fand.

Beraubt um Stolz und Würde versuchte Mimi eingesperrt in einem dunklen Videorekorderkarton das Gleichgewicht zu halten, während das Schwein auf ihrem Rücken hin und her schwankte und die Jungs sie zum Ort Ihres Einsatzes verschleppten.

Der Plan sah vor, dass Mimi bald aus ihrem Gefängnis entlassen werden sollte – in gebührlichem Abstand von Zoltans Territorium; am Besten direkt vor dem Toreingang von Molters Bauernhof. Zoltan würde die Katze wittern und als zweites Frühstück einnehmen wollen. Mimi würde sich dem Angreifer stellen, um ihm die Nase blutig zu kratzen und an die nächsten Momente Ihrer Zusammenkunft würden sich beide nicht mehr erinnern können, weil die brennende Lunte mittlerweile das Innere des Schweins erreicht haben würde.

„Und dann?“, fragte Froderik 30 Minuten später erschöpft, der immer noch unter Schmerzen an einem Baum lehnte. „Na dann hast Du Mimi festgehalten und ich habe die Lunte angezündet.“ „Wieso hast Du nicht auf Zoltan gewartet?“, fragte Froderik. „Weißt Du das wirklich nicht mehr?“, fragte Frank, „wir brauchten nicht zu warten. Der kam doch direkt aus dem Tor geschossen und rannte auf uns zu. Ich hab´ Mimi dann zusammen mit Dir festgehalten, weil sie weglaufen wollte.“ „Ist sie weggelaufen?“, fragte Froderik. „Nein“, antwortete Frank, „aber Du bist dann weggelaufen. Und Zoltan hinter Dir her… Dann hat er die Katze gesehen… und ist total durchgeknallt auf mich zugelaufen… Ich hatte Mimi ja noch fest auf den Boden gedrückt. Aber dann musste ich sie loslassen. Zoltan war schon fast bei uns und die Lunte brannte. Und dann ist Mimi auf Dich zugerannt. Die kann doch so gut mit Dir. Zoltan war schon richtig nah dran, hat immer versucht, ihr in dem Schwanz zu beißen. Mimi hat Haken geschlagen… die hat richtig Ihre Krallen in den Boden gesteckt und total schnell die Richtung geändert…Wahnsinn“. „Und dann?“ wimmerte Froderik. „…Dann ist Mimi auf Dich raufgesprungen“, antwortete Frank, „…und dann ist Zoltan auf Dich raufgesprungen… und dann ist die Bombe hochgegangen… Ich habe noch nie so einen Knall gehört…“

„Frank!“, schrie Froderik, „Ich blute aus den Ohren.“ „Du sollst jetzt ruhig bleiben, Frodi. Bauer Molter hat schon beim Arzt angerufen. Er meint, dass Dir das Trommelfell geplatzt ist. Das kann man aber reparieren. Der Arzt kommt gleich.“ „Scheiße“, sagte Froderik unter Schmerzen, „Molter weiß das?“ „Der weiß nicht alles, aber alle haben den Knall gehört, soviel ist sicher.“ „Und Zoltan?“, fragte Froderik. „Der hat sich in seine Hundehütte verkrochen, aber ich glaube, es geht ihm gut…leider… na, immerhin kann er nicht reden und uns verraten … und hören kann er uns bestimmt auch nicht mehr…“ Froderik weinte nun laut. Sein Körper wackelte dabei und seine Umgebung war von Wehgeschrei erfüllt, während ihm unaufhörlich Tränen aus den Augen schossen.

Mimi wurde bei dem Geschaukele unbehaglich zumute und sie dachte schon darüber nach, Froderiks Schoß wieder zu verlassen, auf dem sie sich zum Ausruhen niedergelassen hatte – einige Minuten nachdem sich die unbequeme Schweinebombenapparatur mit lautem Knall von Ihrem Rücken verabschiedet hatte. Aber Froderik beruhigte sich trotz zahlreicher Blessuren und Keramiksplittern im Rücken wieder, Mimi schnurrte vor Glück und das zerrissene Katzengeschirr hing im Baum.


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