Froderik und der Welthunger

Froderik war seit einiger Zeit der Überzeugung, dass er eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Menschheit spielte. Er fühlte es immer dann, wenn er wahrnahm, dass es ihn gab. Ihn, inmitten all der Menschen, der Gebäude, der Tiere und der Natur. Froderik war die Sonne, die Ihrem System Licht spendete – er war der Garant, die einzige Option auf gelingendes Leben für seine Planeten – gefühlt.

Wenn ihm im öffentlichen Raum etwas Außergewöhnliches widerfuhr, war er sicher, dabei von einer versteckten Kamera für eine Fernsehshow gefilmt zu werden. Wenn er im Supermarkt einkaufte, tat er es stets mit der festen Erwartung, nach dem Bezahlvorgang an der Kasse bald als 100.000ster Kunde mit Konfetti beworfen, bejubelt und beschenkt zu werden.

Besonders zu sein, bedeutete auch besondere Verantwortung tragen zu müssen. Das hatte Froderik schon immer gewusst. Doch wann würde sein besonderer Lebensplan sich ihm endlich zeigen?

Am Ostermontag erhielt er das lang erwartete Zeichen. Froderik war an diesem Tag bei seinen Großeltern zu Besuch. Die Nachbarn hatten am Vortag Gäste zum Verzehr eines üppigen Schweinebratens geladen. Knochige Fleischreste wurden wie üblich am Folgetag herübergebracht, um dem Hund Flocki eine Freude zu machen.

Froderik wurde heiß und kalt zugleich, als er eine besondere Beobachtung machte: Sein Großvater begutachtete die Knochen nachdem er sie aus einer Plastiktüte auf einen Teller gekippt hatte. „Da ist ja noch janz fehl dran” sagte er in ostpreußischem Akzent, woraufhin er sich die besten Stücke aus dem Häufchen pickte und das Fleisch von den Knochen abknabberte, bevor er die dann endlich sauberen Knochen tatsächlich Flocki gab.

Später erfuhr Froderik, dass dieses Verhalten auf eine Zeit großen Hungers zurückzuführen war, die sein Großvater auf der Flucht von Ostpreußen nach Westdeutschland Ende des zweiten Weltkrieges erlebte. Er hatte sich wohl damals geschworen, Tieren nur echte Reste zu überlassen.

Froderik überwand seinen Ekel schnell, denn dieser kurze Schock versetzte ihn unmittelbar in einen Zustand geistiger Erhellung. “Hunger”, dachte Froderik, “unglaublicher Hunger… so stark, dass einen Speichelreste von Gebissträgern an alten Schweineknochen nicht störten. „Das darf nicht sein!”, beschloss er.

Der Nebel um Froderik verflüchtigte sich, sein Lebensplan offenbarte sich und er beschloss, ihm zu folgen. Er würde den Welthunger in den Griff kriegen.

Welthunger! Was für eine Aufgabe. Was für einen Ruhm es nach sich ziehen würde, diese Geißel der Menschheit zu besiegen. Wie aber konnte er vorgehen?

Als pragmatischer Mensch dachte Froderik gleich daran, dass es das Beste sei, wenn Menschen zu jederzeit etwas zu essen parat hätten, egal wo sie sich gerade befanden. Es galt, den Speck zu finden, in dem die Made Mensch leben konnte. Eine vermeintlich unlösbare Aufgabe aber Froderik fand die Lösung schnell: Die Antwort war Gras. Gras wuchs überall und machte sogar Kühe fett, warum nicht auch Menschen?

Froderik war weder ein Abenteuer noch ein Hasardeur. Bevor er der Welt seine Erkenntnis mitteilen würde, beschloss er, sich einem Selbsttest zu unterziehen: Eine Woche lang nur Gras essen.

„Ich brauch heute eigentlich kein Schulbrot“, erklärte er am Dienstagmorgen seiner Mutter, nachdem er beschloss, dass es inkonsequent wäre, Gras als Belag für das Schulbrot zu verwenden, „ Tobi hat im Moment immer viel zuviel. Er gibt mir immer was ab.“

Der Schulweg war zwei Kilometer lang. Mit dem Fahrrad eine gut zu bewältigende Strecke. „Wie im Schlaraffenland“, dachte Froderik als er sich auf der Hälfte der Strecke beglückt auf alle Viere begab, um mit den Zähnen, Gras, Klee und Löwenzahn direkt aus der Erde zu reißen und mit gesundem Appetit zu verspeisen. Es musste authentisch sein, damit es funktionierte. Nachdem sich aber auch nach zehn Minuten des Grasens kein Sättigungsgefühl einstellen wollte, kramte er seine leere Brotdose hervor, um sie mit Gras zu füllen. Die Erde an den Grasnarben klopfte er ab, um Gewicht zu sparen und den Magen später in den Schulpausen nicht noch mehr zu reinigen, als er es bereits in den letzten Minuten getan hatte.

„Das ist immer so bei einer Diät“, dachte Froderik, der mit starkem Hungergefühl und leichten Bauschmerzen seine Mitschüler neidisch dabei beobachte, wie sie Wurst – und Nutellabrote verspeisten.

Fazit am Abend des ersten Tages war, dass der Körper offenbar einen ganzen Tag benötigte, sich zu entgiften. Entgiftung musste man sich wie einen Drogenentzug vorstellen. Das ging auch mit Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schwindelgefühlen und Kopfschmerzen einher. Selbst wenn man nur einen Monat lang drogensüchtig war. Wie sollte es also anders sein, wenn man 13 Jahre lang ausschließlich für den Menschen aufbereitete Nahrung zu sich genommen hatte? In gewisser Weise auch Gift…

Am nächsten Morgen verneinte Froderik, als seine Mutter ihn fragte, ob ihm nicht gut sei. „Die Wurst in Tobis Schulbrot war irgendwie eklig“, sagte er, „mir ist total schlecht geworden.“ Trotzdem wollte er Tobis Brot noch einmal eine Chance geben.

Wieder füllte Froderik seine Schulbrotdose mit Gras. Zum natürlichen Grasen war diesmal keine Zeit, weil er zu lang brauchte, das Haus zu verlassen. „Abwechslung“, dachte er und sammelte Gräser mit möglichst hohen Farbanteilen, Dolden und einzelne Blüten. Verschiedene Farben symbolisierten verschiedene Vitamintypen. Gerade in seiner Situation war es sinnvoll auf Ausgewogenheit in der Ernährung zu achten. Man konnte vieles falsch machen.

Erhöhter Wasserkonsum schien den Magen zu beunruhigen. Froderik merkte das, nachdem er über die große Pause hinaus die Schultoilette noch nicht verlassen konnte. Er hatte vorher viel getrunken. Gegen die Kopfschmerzen. „Verdauungsanregend“, dachte er, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte, der sich als Folge eines längeren Magenkrampfes dort gesammelt hatte.

Froderik litt. Er litt wie Alexander von Humboldt, von dem er gehört hatte, dass dieser sich auf einer seiner Dschungelexpeditionen wochenlang nur von rohen Spinnen ernährt hat. Aber für die Wissenschaft wollte und musste er leiden. Den Wissenschaftler unterscheidet vom Normalbürger die Selbstdisziplin, die Leidensfähigkeit und die Lust, über Grenzen zu gehen.

Das Erbrochene auf seinem Schoß war schnell weggewischt. Zwei Rollen Toilettenpapier hatte Froderik mit in die Toilettenkabine genommen. Er würde es noch Stunden aushalten können.

„Komm doch raus“, sagte der Hausmeister wenig später in freundlichem Ton vor der Toilettenkabinentür stehend. „Ja, gleich.“, antwortete Froderik leise und schwach. Er versuchte seinen Arm zu heben. Im Sitzen würde er mit gestrecktem Arm das Türschloss entriegeln können. Unter einem Geräusch wie Meeresrauschen in seinen Ohren, in das sich Schülergetuschele mischte, hob er seinen Arm, der eben noch auf seinem Schoß lag. Nur einen Zentimeter. Dann setzte er ihn wieder ab.

„Komm raus, Frodi. Was ist los mit Dir?“, fragte sein Freund Frank, den Froderiks Fortbleiben zuerst beunruhigt hatte.

„Bin zu schwach“, flüsterte Froderik. Minuten später öffnete der Hausmeister die Tür von außen. Froderik saß zusammengekauert auf dem Klo und bestand wortlos darauf, nicht aufzustehen. „Kopf muss auf die Knie“, wimmerte er dann „Bumerang Stellung, Bumerang.

„Ich ruf einen Arzt, „ sagte der Hausmeister, „Frank, Du stützt ihn.

Froderik erklärte später dem Notarzt sein Experiment, um Zweifel über die Sinnhaftigkeit seines Opfers zu zerstreuen. Er habe nicht aus Spaß Gras gegessen, er habe es für alle getan, für die Menschen – auch für den Arzt. Er habe alles versucht – sogar wiederzukauen. Aber er sei wohl eben keine Kuh.

„Womit wir beim Thema wären“, entgegnete der Arzt. Er verordnete Froderik Bettruhe und vernünftiges Essen wie gekochtes Gemüse und Fleisch. Eben diese ärztliche Verordnung, Fleisch zu essen, war ein Teilerfolg seiner Forschungsarbeit, erklärte Froderik am nächsten Tag seiner Mutter. Wenn er auschließlich Kühe äße, sei das im Grunde wie Gras zu essen – nur indirekt.


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