Froderik und der Klassenauflug

Seit Langem dachte Froderik über die Möglichkeit nach, in die Rolle eines anderen Menschen zu schlüpfen, mit dessen Lebensgestaltung er nichts gemein hatte. Empathie kam ihm vor wie maskierte Egozentrik. Warum interessieren sich Städter nicht mit echter Hingabe für Probleme von Bauern,? Wie kann ein Unternehmer das Herz von  Fließbandarbeitern ergründen und verstehen? Nur Forschung konnte Licht ins Dunkle bringen.

Im April kündigte der Klassenlehrer, Herr Müller, eine Klassenreise in die Landshauptstadt Kiel an. Eine Besichtigung des Landtags sollte einer Führung durch das Schifffahrtmuseum folgen. Ein Tagesausflug. Auf dieser Reise in einem Bus sollten sich die Vorteile Froderiks temporärer Unbeliebtheit im Klassenverband zeigen. Er saß allein und konnte sich mental auf seine Mission vorbereiten.

Das Museum war fantastisch. Hätte er leichtes Gepäck, wie die anderen dabei gehabt, wäre es ihm schwergefallen, nach nur zwei Stunden die Welt voller Miniaturschiffen, altertümlichem Zubehör, Wrackteilen und Gemälden zu verlassen. Nach dem Ende des Museumsbesuchs schleppte er, den anderen folgend, seine Umhängetasche in den Linienbus, der die Klasse zum Landtag befördern sollte.

Er schaute auf die Uhr und lächelte in dem Wissen, in nur zwei Stunden, den zweiten Programmpunkt der Reise hinter sich gebracht zu haben, um dann seine persönliche Entfaltung in die weiteren zwei Nachmittagsstunden zu tragen, in denen den Schülern freigestellt war, die Fußgängerzone der Stadt zu erkunden.

15.00 Uhr. Applaus. Ein tolles gleichzeitig traditionelles und modernes Gebäude, dieser Landtag, in dem viele gut angezogene mittelalte Menschen, reden, zuhören und unaufgeregt durch Gänge gehen. Ein Plenarsaal, der mehr Fenster als Nutzwände zeigte. Viel Licht.

„Also um Punkt fünf treffen wir uns genau hier wieder“, sagte Herr Müller zur Klasse. Alle standen an der Haupttreppe zum Bahnhof. Wenig später stürzten die Schüler in Richtung Einkaufspassage; Froderik zur Toilette.

Herr Müller schlenderte durch Geschäfte, schaute sich Kleidung an, aß ein Fischbrötchen und trank einen Kaffee: Ein Touristengedeck, das nach seiner Meinung in Kiel niemals fehlen durfte. Er langweilte sich und erkannte auf seiner Uhr, dass erst eine halbe Stunde vergangen war, seit er sich von den Schülern getrennt hatte. Er erinnerte sich an seine Jugend. An die kleine Straße mit den Clubs, den Discos, an den Straßenteil mit dem Ansatz eines Rotlichtmilieus, dunklen halb nach unten oder oben führenden stinkenden Hauseingängen, in denen Frauen standen und vorbeischleichende Männer ansprachen. Das kannte man und Herr Müller kannte es noch. Dieses Kribbeln. Diese spannungsgeladene hoffnungsvolle Sorge darüber, angesprochen zu werden.

Herrn Müllers Beine nahmen ihm die Entscheidung ab, diesen alten Ort vibrierender  Erinnerungen zu besuchen.

„Hallo Süßer“, tönte es aus einem Hauseingang. Und Herr Müller hatte es nicht verlernt: Der Rücken krümmte sich leicht, seine Schultern versuchten, den Kopf von beiden Seiten her zu verdecken. Aber wie sollte man sich in der Luft vergraben? Und wieder dieser Lockruf, der auch ein noch so festes moralisches Fundament spalten konnte: „Hallo? Hörst Du mich nicht? Willst Du vielleicht´n bisschen Spaß haben?“

„Nein, Danke“, sagte Herr Müller und eilte mit festem Blick auf das Ende der Straße an dem Hauseingang vorbei.

„Aber ein bisschen höflich bleiben können wir schon, oder?“ sagte die Stimme mit  hellem leicht beleidigten Ton. Da hatte sie Recht, dachte Herr Müller. Wer sei er denn, der unfreundlich agiert, nur weil er sich in seinen eigenen Schwächen ertappt fühlte. Er, der geradezu dogmatisch erotisches Knistern verhindern wollte, indem er sich gedanklich über die Dame stellte, die ein Gespräch mit ihm zu führen versuchte. Er war der erfolgreiche Lehrer, aber sie, sie könne ihm nur leidtun, gescheitert und verrucht, wie sie sei. Intimitäten für Geld… Wenig war so klar, wie die Tatsache, dass sein Interesse für derlei Aktivitäten nicht vorhanden war. Aber gleich unfreundlich sein?

„Tut mir Leid“ sagte Herr Müller. Ich will nur zur Fußgängerzone, „ich hab´s es ein bisschen eilig.“

„Ach sooo.“, sagt die Frau in einem verständnisvollen ruhigen Ton und trat dabei aus dem Hauseingang herab ins Licht. „Natürlich…wir alle haben es immer viel zu eilig. So eilig, dass wir vergessen, uns mit den wesentlichen Dingen des Lebens zu beschäftigen… mit Liebe, …Hingabe, … oder Sex.“

Herrn Müller wurde warm im Gesicht. Die Dame, die sich ihm nun direkt zuwandte war außerordentlich attraktiv. Wunderschöne lange glatte, blonde Haare, eine kleine schmale Statur, eine wohlgeformte ausladende Oberweite, ein ebenes wohl geschminktes Gesicht mit Marylin-Monroe-Tupfer, langen Augenbrauen und sattem bordeaux-farbenen Lippenstift. Noch als Herr Müller sich angenehm überrascht, mit dem Gedanken beschäftigte, was eigentlich Liebe genau sei, hauchte ihm die Schönheit einen Angelhaken entgegen, der an Verheißung kaum zu überbieten war. „Wir können uns auch einfach nur unterhalten“, sagte sie, „ich ziehe mich aus, Du siehst mich an und erzählst mir von Dir…von Deinem Leben… Du bist ein sehr interessanter Mann…“

Kurz zuvor war der Moment, in dem Froderik Herrn Müller erkannt hatte, der sich bis dahin scheute seinen Kopf zu heben, die Schultern zu senken um die Verführung direkt anzusehen.

Froderik schwitzte unter seinem Make-up. Wie konnte er später die Erfahrung des Lebens als Prostituierte beschreiben, wenn er sich nun darauf konzentrieren musste, nicht erkannt zu werden, anstatt Männer mit wohl gesetzten Worten aus der Fassung zu bringen?

Herr Müller fasste sich ein Herz. Er würde es nicht auf die Spitze treiben. Nur aber den  Weg dorthin einzuschlagen, sei noch nicht verwerflich: „Und, wenn ich mich auch ausziehe?“, fragte er.

Froderik wurde noch wärmer. „Nun“, flüsterte er langsam, „dann werden wir sicher eine laaange Begegnung haben ich werde den harten Tatsachen ins Auge schauen müssen.“

Herr Müller, beflügelt von dieser Poesie, konnte nicht mehr ablassen. „Und wenn ich aber nur eine Dreiviertelstunde habe?“,  fragte er und schaute dabei fast schon sich vergessend auf Froderiks ausgestopfte Oberweite.

Froderik wurde mulmig bei dem Gedanken, dass Herr Müller offenbar echte Optionen auslotete, die er in zeitlichem Einklang mit seiner Rückreise treffen musste.

„Das ist etwas zu kurz“, entgegnete Froderik in lieblichem enttäuschten Tonfall.

Herr Müller schwieg und schaute verlegen auf den Boden. „Darf ich ihre Hand berühren?“ fragte er. Froderik reichte sie ihm und ertrug die unbeholfenen Streicheleinheiten seines Lehrers auf seinem Handrücken. „Sie haben wunderschöne Fingernägel“, sagte Herr Müller. „Die sind nicht echt“, entgegnete Froderik in seinem Selbstbewusstsein gestärkt, weil er endlich einmal etwas Ehrliches sagen konnte.

Herr Müller führt die Hand zu seinem Mund und Froderik schickte sich an, sie wegzuziehen, als Herrn Müller plötzlich innehielt.

„Sie haben da einen Anker.“, sagte Herr Müller und zeigte dabei auf ein Stempelbild auf Froderiks Daumenballen. „Oh…“, sagte Froderik überrascht und erläuterte zügig, „… den bekommt man im Schifffahrtmuseum…“

„In der Wrack-Sonderausstellung…“, sagte Herr Müller und hob seine rechte Hand, die den gleichen Anker zeigte.

Herr Müller zögerte bevor er fragte: „Gehen Sie gerne in das Museum?“ „Oh, ja… Ich liebe es“, krächzte Froderik nur noch wenig professionell.

Herr Müller schwieg. Er musterte Froderiks Gesicht und kräuselte dabei wenig bemerkbar und zerknirscht lächelnd die Stirn. Dann verschwand das Lächeln allmählich. Herrn Müllers Augen weiteten sich und seine Wangenmuskeln bewegte die Haut über seinen Kiefern. Seine Schultern hoben sich und sein Oberkörper nahm dieselbe gebückte Haltung ein, bevor Froderik ihn angesprochen hatte.

„Schade, vielleicht ein anderes Mal“, bemühte sich Froderik dem forteilenden Lehrer hinterherzurufen.

„Ich hatte Herrn Müller gar nicht in der Sonderausstellung gesehen.“, dachte Froderik, der schweigsam die Rückfahrt allein auf einem Sitz am Ende des Busses verbrachte.

Herr Müller saß schweigend neben dem Busfahrer und dachte darüber nach, ob der Klassenausflug für ihn und seine Schüler ein Erfolg war.